Sonja Stankowski ist deutsche Muttersprachlerin, seit 2006 selbständige Übersetzerin und Dolmetscherin. 2009 hat sie die Prüfung zur beeidigten Übersetzerin und Dolmetscherin der deutschen und polnischen Sprache beim polnischen Justizministerium bestanden und wurde am 27. Oktober 2010 vom Justizministerium in Warschau vereidigt (Nr. TP/85/10). Nach 12 Jahren in Polen, seit 2017 in Sachsen lebend.

Sie ist Autorin des Buches: „Leben und arbeiten in Polen“, 2013, Verlag interna, sowie Übersetzerin des polnischen Gesetzes über das Vollstreckungsverfahren in der Verwaltung – 2012, C.H. Beck Verlag.

In einem Inverview mit Fr. Stankowski stellt VERBA LEGAL Fragen betr. den Beruf eines Übersetzers/Dolmetschers, sowie die Erfahrungen, als Deutsche in Polen zu leben und zu arbeiten.

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VERBA LEGAL: Neben Großbritannien, den Niederlanden, Irland und Italien gehört Deutschland zu den beliebtesten Einwanderungsländern bei den polnischen Bürgerinnen und Bürgern. Die Suche nach einer besseren Arbeit (und besseren Löhnen) sowie nach einer höheren Lebensqualität ist ein wichtiger Grund bei der Entscheidung für einen Umzug nach Deutschland. In den letzten Jahren wurde aber auch Polen zu einem Land, in das Bürgerinnen und Bürger anderer Länder umziehen. Was sind, nach Ihren Erfahrungen und Beobachtungen, die Gründe dafür, dass sich auch viele Deutsche entscheiden, nach Polen zu gehen?

Sonja Stankowski: Polen ist ein wichtiges und wirtschaftsstarkes Nachbarland von Deutschland und seit 2004 Mitglied der Europäischen Union. In den letzten 25 Jahren, vor allem aber seit dem EU-Beitritt, sind Kooperationen auf vielen Ebenen entstanden, ob in der Wirtschaft, auf kommunalpolitischer Ebene oder Sport u.ä. Natürlich aber auch viele private Kontakte durch Begegnungen hier und dort, Städtepartnerschaften, Schüleraustausch. Polen bietet Deutschen vielfältige Möglichkeiten, da hier vieles noch nicht so „eingefahren“ ist, wie in Deutschland. In den größeren Städten haben sich auch viele internationale Konzerne angesiedelt, die jungen Menschen einen Karriereeinstieg ermöglichen, außerdem gibt es ein buntes Kulturangebot.

VERBA LEGAL: Sie sind selbst deutsche Muttersprachlerin, die mehrere Jahre in Polen gelebt hat. Bevor Sie nach Polen umgezogen sind, haben Sie gewiss von dem Land und den Menschen viel gehört und gelesen. Gab es jedoch, schon nach Ihrem Umzug nach Polen, Bereiche oder Ereignisse, die Sie total (positiv oder negativ) überrascht haben? Oder war alles so, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Sonja Stankowski: Nun, ich bin nicht ins kalte Wasser gesprungen. In Polen war ich 1988 zum ersten Mal, das kann man sich heute kaum vorstellen. Damals gab es in den Läden wenig zu kaufen, das Land war relativ grau, trotzdem waren die Menschen sehr gastfreundlich. Im Jahr 1991/92 entschied ich mich dann, im Rahmen eines Austauschprogramms ein Schuljahr an einer Oberschule in Poznań zu verbringen. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformation war im vollen Gange, es gab viel Enthusiasmus und Aufbruchsstimmung. Seitdem bin ich regelmäßig nach Polen gefahren und im März 2005 bin ich nach Niederschlesien gezogen, um dort dauerhaft zu leben und zu arbeiten. Polen war bereits in der EU, der Raubtierkapitalismus in voller Blüte. Sprache, Geschichte und Mentalität waren mir gut vertraut, es ist allerdings immer noch etwas anderes, ganz im Land zu leben, die Alltagssorgen und die Probleme der Menschen zu teilen. Außerdem habe ich mich nach kurzer Zeit selbständig gemacht, das war schon eine weitere Herausforderung. Trotzdem habe ich mich in den 12 Jahren, die ich „am Stück“ in Polen gelebt habe, nie fremd gefühlt. Letztendlich bin ich aus privaten Gründen nach Deutschland zurückgekehrt, habe aber weiterhin Kontakte zu meinen Kunden und Geschäftspartnern, sowie zu Freunden und Bekannten.

VERBA LEGAL: Frau Stankowski, Sie sind Autorin des Buches „Leben und arbeiten in Polen“ – aufgrund Ihrer eigenen Erfahrungen haben Sie einen Taschenbuch-Ratgeber für Deutsche geschrieben, die einen längeren Aufenthalt in Polen planen. Könnten Sie bitte die wichtigsten Punkte nennen, an die man vor einer derartigen Reise (bzw. Umzug) nach Polen denken soll? Welche Fehler sollte man vermeiden?

Sonja Stankowski: Vor allem sollte man eine Arbeit haben oder in Aussicht haben. Die meisten Deutschen werden ohnehin von ihrem Arbeitgeber entsandt, da sollte man die Angebote nutzen, die innerhalb der Firma für Expats angeboten werden. Wenn man in Polen direkt eine Arbeit aufnehmen will oder eine eigene Firma gründen will, sollte man sich gründlich informieren und nicht nur, wenn man wenig oder gar kein Polnisch kann, die Hilfe von Experten in Anspruch nehmen, Rechtsanwälte, Steuerberater, Übersetzer. Auch die Auslands-Industrie- und Handelskammern sowie viele deutsch-polnische Wirtschaftsvereinigungen (z.B. Europa-Forum Breslau) und die deutschen Konsulate bieten Informationen und erste Kontaktmöglichkeiten.

Auf jeden Fall sollte man sich gut organisatorisch vorbereiten und auch darauf einstellen, dass man in einem anderen Land lebt. Auch wenn Polen in Europa legt und mittlerweile die Globalisierung auch hier voll zugeschlagen hat, gibt es viele Dinge im Alltag, die anders sind. Darauf sollte man sich einstellen und auch Geduld und Offenheit gegenüber Neuem mitbringen.

VERBA LEGAL: Viele Ausländer machen den Fehler, dass sie vor der Reise nach Polen die nötigen Dokumente (z.B. Bescheinigungen, Zeugnisse, Verträge, Urkunden) ins Polnische zwar übersetzen, aber nicht beglaubigen lassen. Das kann die Formalitäten bei dem Umzug nicht nur verzögern, sondern sogar unmöglich machen. Was würden Sie hier empfehlen – kann man generelle Regel finden, wann eine beglaubigte Übersetzung nötig ist und wann nicht?

Sonja Stankowski: Alles Amtliche, was Sie bei polnischen Ämtern vorlegen müssen, muss beglaubigt werden, möglichst bei einem in Polen beeidigten Übersetzer.

Zur Anmeldung benötigt man seine Ausweisdokumente im Original, den Nachweis einer Krankenversicherung, einen Arbeitsvertrag oder die Gewerbeanmeldung. Rentner benötigen ihren Rentenbescheid, Studenten eine Bestätigung der Hochschule und alle den Nachweis, dass sie ihren Aufenthalt in Polen finanzieren können. Wenn Sie Familienangehörige mitnehmen, brauchen Sie auch die Heiratsurkunde und die Geburtsurkunden der Kinder, davon gibt es übrigens teilweise auch mehrsprachige internationale Vordrucke, die auch Polnisch enthalten, die stellt das zuständige deutsche Standesamt aus. Zeugnisse und ähnliches für eine Bewerbung reicht u.U. erstmal in unbeglaubigter Form, aber bei Hochschulen und für die Personalabteilung bei Einstellung sind beglaubigte Übersetzungen notwendig, da es auch um die Gleichwertigkeit von Abschlüssen geht. Polen und Deutschland haben übrigens schon seit 1997 ein Abkommen über die gegenseitige Anerkennung von Schul- und Studienabschlüssen, es gibt jedoch auch Ausnahmen davon. Für Studenten ist es ratsam, sich von seiner Heimat-Hochschule ein Diploma-Supplement ausstellen und ins Polnische übersetzen zu lassen.

VERBA LEGAL: 2009 haben Sie in Polen erfolgreich die Prüfung für vereidigte Übersetzer/Dolmetscher bestanden. Wie sollte man sich, Ihrer Meinung nach, am besten auf die Prüfung vorbereiten? Welche Lernmethoden sind Ihres Erachtens am effektivsten? Welche Empfehlungen würden Sie den Kolleginnen und Kollegen, die sich jetzt auf die Prüfung vorbereiten, geben?

Sonja Stankowski: Zunächst mal sollte man Deutsch und Polnisch mindestens auf einem Niveau von C2 des Europäischen Referenzrahmens können. Ein Germanistikstudium ohne längeren Aufenthalt in Deutschland, Österreich oder der Schweiz reicht dafür nicht, andersherum auch kein Polonistikstudium. Für die Arbeit als beeidigter Übersetzer und Dolmetscher sind Literatur und Linguistik nebensächlich, wichtig ist vertiefte Landeskunde im ganz praktischen Sinne: Sozialversicherungssysteme, Schul- und Ausbildungssysteme, Zivil-, Straf- und Steuerrecht, Kommunalpolitik u.v.m. Außerdem wird in der Praxis auch viel Technik und Medizin verlangt – und jeder Aspekt der deutsch-polnischen Koexistenz.

Empfehlenswert sind längere Aufenthalte bzw. regelmäßige Besuche, Kontakte zum anderen Land, Verfolgen der Medienberichterstattung (was in Zeiten des Internets sehr einfach ist: Online-Angebote von Tageszeitungen, Wochenzeitungen, Fachzeitschriften, Fernsehen, Social Media). Dann sollte man mehrere Jahre Übersetzungen gemacht haben, klein anfangen, sich immer weiter vorarbeiten, mit vertrauten Themen anfangen oder bei einer deutschen Firma arbeiten und dort Korrespondenz und fachbezogene Materialien durcharbeiten. Sich mit der Rechtssprache vertraut machen, vor allem auch in der eigenen Muttersprache. In der schriftlichen Prüfung geht es um Texte wie Allgemeine Geschäftsbedingungen, Scheidungsurteile, Strafbefehle, GmbH-Gründung.

Dolmetschen ist ein weiterer Teil der Prüfung, an dem die meisten Kandidaten scheitern. Auch hier gilt: langsam herantasten, jahrelang üben. Im privaten Bereich, bei „unverfänglichen“ Begegnungen. Die fachspezifischen Texte, die bei der Prüfung gedolmetscht werden, mit Tonbandaufnahme oder indem man sie von jemanden vorlesen lässt (im realistischen Tempo). Auch das Internet bietet viele Möglichkeiten: Podcasts, You Tube u.ä. Reden von Angela Merkel, eher Texte zum Gesellschaftsrecht, Strafrecht, Finanzrecht. Ich hatte in der mündlichen Prüfung u.a. eine Belehrung über die Rechte eines Geschädigten und eine notarielle Urkunde einer GmbH.

Es gibt beim Beck Verlag Polska viele zweisprachige Ausgaben, man sollte aber auch monolingual lesen, um zu wissen, wie es in der Sprache wirklich verwendet wird.

Und nicht vergessen: Die eigene Muttersprache, das eigene Land! An der Ausdrucksfähigkeit feilen, die Kenntnisse erweitern, es wird viele Bereiche geben, mit denen man vorher nie in Berührung getreten ist. Offen sein und sich Neues schnell aneignen.

VERBA LEAGL: Welches Wissen, welche Eigenschaften und Fähigkeiten sollte Ihrer Meinung nach eine Person besitzen, um (beeidigter) Dolmetscher/Übersetzer zu werden?

Sonja Stankowski: Ein Übersetzer sollte Generalist und Spezialist sein, er sollte sich für alle Aspekte der deutsch-polnischen Koexistenz interessieren, neue Themen aufnehmen und verfolgen, da sie früher oder später für seine Arbeit relevant werden. Er sollte mit den entsprechenden Wörterbüchern, Nachschlagewerken und vor allem Online-Ressourcen vertraut sein, ein Netzwerk mit Kollegen der gleichen Sprachkombination und anderen Sprachen aufbauen, mit der einschlägigen Software einschl. CAT-Tools arbeiten können.

Er muss unter Zeitdruck sauber und präzise arbeiten, kundenorientiert und stressresistent sein, über ein schnelles Reaktionsvermögen verfügen, improvisieren können, eine Engelsgeduld und Nerven aus Stahl haben. Außerdem sich auf widrige technische und organisatorische Bedingungen einstellen können, stets neutral bleiben, aber auch in Konfliktsituationen vermitteln bzw. beschwichtigen können.

Der Dolmetscher muss stets im Mittelpunkt des Geschehens sein, er darf sich nicht in die Ecke verdrücken bzw. an den Rand schieben lassen. Gleichzeitig ist er unsichtbar und „nur“ ein Instrument zur Verständigung. Er muss alles gut hören können und laut und deutlich reden können, möglichst mit Mikrofon.

Das Lampenfieber muss man ihm nicht anmerken, es ist egal, ob man für 2 Personen dolmetscht, die miteinander sprechen, eine Veranstaltung mit 200 Personen oder mit 2000 Personen, die u.U. noch vom lokalen Fernsehen übertragen wird.

Bei Gericht steht er möglichst neben der Person, für die er hauptsächlich dolmetscht (Zeuge, Beschuldigter), und flüstert alles, was gesagt wird. Wenn sie dann aussagt, wird die Aussage laut und deutlich für den Richter und alle anderen Anwesenden gedolmetscht.

Er nimmt beim Dolmetschen die Person an, für die er spricht, d.h. „ich…“ und nicht: „er sagt, dass…“ Bei standesamtlichen Trauungen steht er neben dem Standesbeamten, ohne ihn bei der Arbeit zu behindern. Beim Notar ist es eher so, dass er den zu unterschreibenden polnischen Urkundstext in schriftlicher Form erhält und „vom Blatt“ ins Deutsche dolmetscht.

VERBA LEGAL: Sie haben nicht nur Polnisch, sondern auch Tschechisch und Geschichte studiert, sowie ein Aufbaustudium an der Bankhochschule Wroclaw gemacht. Aus allen Möglichkeiten haben Sie sich doch entschieden, Übersetzerin/Dolmetscherin zu werden. Was gefällt Ihnen in diesem Beruf am meisten? Und was finden Sie bei der Arbeit am schwierigsten?

Sonja Stankowski: Zunächst mal ist es ein sehr abwechslungsreicher und vielfältiger Beruf. Es wird nie langweilig, man lernt immer wieder Neues und neue Menschen kennen. Gleichzeitig ist man Bindeglied zwischen Menschen, die keine gemeinsame Sprache sprechen, und ist für die richtige Kommunikation verantwortlich.  Andererseits ist es ein anstrengender Beruf, weil man eben mit Menschen in ihrer ganzen Vielfalt zu tun hat.

Als Übersetzer hat man etwas mehr Ruhe, weil man zu Hause arbeiten kann, aber auch hier besteht enormer Zeitdruck, dazu kommt Terminologierecherche und –management, die gesamte Abwicklung von Aufträgen und Kundenservice. Als Dolmetscher ist man viel unterwegs, auch unter Zeitdruck, muss technische und organisatorische Widrigkeiten managen, manchmal noch die ausländischen Gäste betreuen und die einheimischen Organisatoren in Schach halten (oder umgekehrt, das hängt von den Individuen ab).

Gleichzeitig kommt man auch an Orte oder zu Veranstaltungen, zu denen man sonst keinen Zutritt hätte: Gericht, Polizeistation, Ministerium, offizielle Gedenkveranstaltungen, Baustellen, ein Abendessen beim Ministerpräsidenten, eine Rodeo-Veranstaltung in der niederschlesischen Provinz, eine Baustoffhandlung in Sachsen, das Dach eines Zuckersilos, die Kick-Off-Show für eine neue Modekampagne u.ä. Aber das ist das Spannende an diesem Beruf.

VERBA LEGAL: Vielen Dank für das Interview, Frau Stankowski.

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